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09.06.–15.06.

Vikrant Bhise, We Who Could Not Drink [Wir, die nicht trinken konnten], 2025, Installationsansicht, 13. Berlin Biennale, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 2025. © Vikrant Bhise; Experimenter, Kolkata & Mumbai; Bild: Aristidis Schnelzer

Vikrant Bhise, *1984 in Mumbai, Indien. Orte der Zugehörigkeit: Mumbai. Verbundenheit: Secular Art Movement, Phule Ambedkar Movement, Dalit Panthers.

In der Stadt Mumbai ist der Zugang zu Wasser stark eingeschränkt. Trinkwasserleitungen sind stets undicht, sodass nur verunreinigtes Wasser die Slums erreicht. Vikrant Bhise zeigt Frauen und Männer, die auf ein großes Rohr zumarschieren und schließlich mit ihm verschmelzen – als würde es den Menschenstrom verschlingen. Das Bild ist mehrdeutig: Es ist in der Gegenwart verortet, erinnert aber zugleich an einen berühmten historischen Protestmarsch zu einem Wassertank.

Die Praxis der „Unberührbarkeit“, die Teil des Kastensystems in Indien war, entmenschlichte eine Person und beruhte auf einem Konzept von Reinheit. Personen, die als „unberührbar“ galten, hatte keinen Zugang zu öffentlichem Eigentum wie Straßen, Märkten oder Durchgangswegen, ebenso wenig zu religiösen Heiligtümern und Tempeln. Sie durften weder an Hochzeiten oder Festen teilnehmen noch gemeinsam mit anderen Dorfbewohner*innen essen. Der Zugang zu Wasser- und Nahrungsquellen war ihnen verwehrt – öffentliche Brunnen und Wassertanks waren tabu.

Am 20. März 1927 führte B. R. Ambedkar – Sozialreformer und später maßgeblich beteiligt an der Ausarbeitung der indischen Verfassung von 1950, die die Abschaffung der Unberührbarkeit beinhaltete – eine Gruppe „Unberührbarer“ sowie Unterstützer*innen aus den sogenannten oberen Kasten zu einem Wassertank in Mahad. Dort tranken sie gemeinsam aus der öffentlichen Wasserquelle und brachen damit religiöse Gebote. Dieser Marsch wurde „Satyagraha“ genannt – was so viel bedeutet wie „an der Wahrheit festhalten“. Der Begriff wurde 1906 während Mahatma Gandhis zivilgesellschaftlicher Proteste gegen die Apartheid in Südafrika erstmals verwendet.

Bhises Familienmitglieder waren Teil der Dalit Panthers, einer Bewegung gegen Kastendiskriminierung. Als Kind erlebte er, wie die Polizei auf Demonstrant*innen seiner Gemeinschaft schoss – direkt vor dem Eingang ihres Slums. Das monumentale Format seiner Arbeit und die versammelten menschlichen Körper ehren die Idee des gewaltlosen zivilen Ungehorsams und erinnern zugleich an den ersten Marsch zur Abschaffung des Kastensystems.

Text: Sumesh Sharma

Vikrant Bhise, *1984 in Mumbai, Indien. Orte der Zugehörigkeit: Mumbai. Verbundenheit: Secular Art Movement, Phule Ambedkar Movement, Dalit Panthers.

Vikrant Bhise, We Who Could Not Drink [Wir, die nicht trinken konnten], 2025, Installationsansicht, 13. Berlin Biennale, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 2025. © Vikrant Bhise; Experimenter, Kolkata & Mumbai; Bild: Aristidis Schnelzer