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09.06.–15.06.
Eine Person steht vor einem blauen Himmel und ist komplett mit einem gelb-grünen Stoff umhüllt.

Fredj Moussa, بلاد البربر [Land der Barbar*innen], 2025, Videostill © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Eine Person mit Brille und Bart steht vor einem einfarbigen Hintergrund. Die Person trägt einen Hoodie und eine Jacke und lächelt in die Kamera. Ein grün-gelber Filter liegt über dem Foto.

Fredj Moussa, *1992 in Paris, Frankreich. Orte der Zugehörigkeit: Tunesien.

© Amira Lamti

In seinen humorvoll wie tragischen Filmen kombiniert Fredj Moussa Lanschaftsmotive, Geschichtenerzählen und absurde Requisiten aus Stoffen und recyceltem Abfall, um soziopolitische Realitäten aufzuzeigen. Als in Frankreich geborener Franko-Tunesier thematisiert er in seinen Arbeiten oft in Tunesien spielende europäische Literatur, um Entfremdung und Zugehörigkeit zu kommentieren.

Sein neuer Film ist eine humorvolle Kritik an dem Wort „barbarisch“. Noch in der Renaissance, einer Zeit des kulturellen Erwachens in Italien, hielten sich die Vorurteile gegenüber denjenigen Menschen, die Europa durch Handel und andere Formen des kulturellen Austauschs bereicherten, hartnäckig. Man sah sie als unzivilisierte, furchterregende sogenannte „Barbar*innen“ aus fremden Kulturen. Giovanni Bocaccios Dekameron, ein Novellenzyklus aus dem 14. Jahrhundert, gibt Einblick in die damals herrschenden Vorurteile: Im Kapitel „Fünfter Tag, Zweite Novelle“ besteigt die Figur Gostanza voller Verzweiflung über den Tod ihres Geliebten ein Boot, das vom Wind in der Nähe der tunesischen Stadt Sousse an Land getrieben wird. Auf der anderen Seite des Mittelmeers nannten die Römer*innen diese Küste Nordafrikas „Barbarei-Küste“. Das französische Wort Berbère, das die dort lebenden Indigenen beschreiben sollte – die Amazigh – leitet sich von diesem Begriff ab.

Wie viele andere literarische Werke wird auch Bocaccios Novellenzyklus der europäischen Kultur zugerechnet. Direkt oder indirekt sind jedoch außereuropäische Einflüsse über Handelswege oder die mündliche Weitergabe von Geschichten integraler Bestandteil nicht nur dieses Werks. So wie der kulturelle Austausch jenseits der Meere immer in Bewegung ist, so sind auch die Bilder in Moussas Film in Bewegung. Auf humorvolle Art eröffnet seine visuelle Poesie eine Perspektive auf den Eurozentrismus westlicher Literatur. Sein Film fragt, wie diskriminierende Wahrnehmungsweisen Rassismus heute immer noch prägen und inwiefern sie imperialistische Kolonialfantasien von der Zivilisierung außereuropäischer Kulturen befeuert haben.

Text: Sumesh Sharma

Eine Person mit Brille und Bart steht vor einem einfarbigen Hintergrund. Die Person trägt einen Hoodie und eine Jacke und lächelt in die Kamera. Ein grün-gelber Filter liegt über dem Foto.

Fredj Moussa, *1992 in Paris, Frankreich. Orte der Zugehörigkeit: Tunesien.

© Amira Lamti

Fredj Moussa, بلاد البربر [Land der Barbar*innen], 2025, Installationsansicht, 13. Berlin Biennale, Ehemaliges Gerichtsgebäude Lehrter Straße, 2025. © VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Bild: Eberle & Eisfeld